Teil 1 – Landesinnere
Antizyklisch unterwegs in China
Fast ein Monat China auf eigenen Faust, mit eigener Planung. Wir haben uns sehr kurzfristig entschlossen, die Interesse kam daher, dass die Visumverhältnisse erstaunlich einfach geworden sind. Nachdem wir am Neujahr in Budapest den Chinesischen Viertel gesehen haben, ist unser Neugier erweckt.
Wir merken bald, dass wir antizyklisch reisen. Gegen Rhythmen, gegen Gewohnheiten, aber nicht gegen Menschen. Schon als Kinder haben wir gelernt, dass Freiheit heisst, den eigenen Takt zu finden, in der Masse aber nicht den der Masse. Und genau das funktioniert hier erstaunlich gut: Wir kommen vorwärts, weil wir anders laufen.
Die Infrastruktur in den Städten ist beispielhaft. Es freut uns, die Zeichen zu finden, die Karten zu lesen, die viele Apps zu benutzen, weil in China die QR Codes und Mobiltelefone wirklich jeder ständig benutzt. Nicht nur zum Musikhören.
Es ist Regenzeit, doch gut durchgekommen, mit ein wenig Tröpfeltage und einem Schauer und schwarzer Gewitterwarnung.
Beijing – Lernen im System: alles chinesisch
Die Hitze steht in der Luft wie in einer Kuppel, die Essbuden riechen, schmecken fein, aber stark. Zweimal täglich duschen wir, obwohl es gar nicht so heiss ist, wie es sein könnte. Unser erstes Essen: keine Ahnung, was wir bekommen. Im Lokal geht es freundschaftlich zu, alles frisch zubereitet und auf den Tafel leider nur 3 Bilder, alles andere Textformat. Wir zeigen auf zwei von drei Gerichten auf den ausgedruckten Bildern, weil das Übersetzen mit der App noch nicht klappt. Zahlen ist ein Abenteuer. Immer wieder erscheint in der ersten Tagen , Woche ein Hinweis auf Chinesisch – installiere noch etwas – und wir drücken fleissig auf OK. Manchmal lassen auch Fremde auf unserem Telefon herumzudrücken, dass wir weiterkommen. Ungewöhnlich direkt…
Unglaublich, wie freundlich die Menschen von sich aus helfen. Meistens aus Neugier. Einer drückt, einer lächelt, einer übersetzt mit Gesten. So entsteht Vertrauen ohne Worte.
Im Bahnhof entdecken wir einen Süssigkeitenladen, voller wunderschöner Verpackungen – eine besondere Welt aus Papier, Glanz und Geduld, weil wir einzeln die Süssigkeiten zuerst kosten, dann kaufen mehr davon. Zwei Verkäuferinnen schauen zu und sammeln uns noch ihre Favoriten im Laden und tun ungeniert alles in unseren Körbe.
In Beijing lernen wir das System zu lesen: Apps, Metro, Karten, Codes. Nord, Süd, Ost, West. Alles hat seinen Platz, und doch funktioniert nichts ohne Intuition. Wie ist die Metrokarte der Kreislinie zu vertehen? Wie komme ich in der Unterführung in die richtige Richtung aus?
Nach und nach klappt es. Auch die geplanten Sehenswürdigkeiten können wir schon am ersten Tag besichtigen. Den Hauptplatz verpassen wir, weil wir noch nicht die Feinheiten kennen. Wir fahren zuerst überall öffentlich mit dem Metro und Zug hin. Der Ausschitspunkt der grossen Mauer ist aus der Stadt auch perfekt zu erreichen, wenn man weiss, wie ein Zugticket zu kaufen ist. Machen selbstverständlich ein paar Umwege, aber ab Peking läuft vieles besser.
Datong – Löss, Lilienfelder, Linien
Die Landschaft wird nach der Bergkette ockerfarben. Da sind Löss, Lilienfelder, Kalebassen und Grüntee überall – immer für die anderen. Wir bekommen keinen angeboten. Zuerst ist es in Ordnung, es hat viel Getränkeauswahl, mich erfreut, dass es auch viel ungesüsstes zu finden ist. Süsse sind oft zu süss und mit viel unbekannten Geschmack.
Zum Bus: vom Bahnhof -leer, breit und mit hellem Granit gekleidet – kommen wir nur mit dem Bus weg. Busse sind schwer zu finden, aber jemand zeigt den Weg mit einem Nicken. Leider geht das nur mit Bargeld, den Bus-App haben wir nicht installiert bekommen, und Bargeld haben wir nicht. Wir schauen die Buddha Statuen und die hängende Kloster an, alles mit einem Taxi, der uns den ganzen Tag fährt. Geplant haben wir es anders, aber im netten Pansion die ganz herzliche Rezeptionistin stellt nach dem Frühstück die richtigen Fragen und bucht uns noch rechtzeitig die Eintritte, die wir nicht gedacht haben, dass es an einem Tag möglich ist, alles zu besuchen.
Zum Bahnhof gehts dann am nächsten Morgen schnell mit dem Taxi, weil wir knapp in der Zeit sind. Sehr knapp. Wir haben es unterschätzt. Alles scheint geregelt, und doch entsteht jede Ordnung aus Improvisation.









Pingyao – Alte Stadt, neue Nerven
Wir erreichen Pingyao, wo die Stadtmauer den Himmel teilt.
Gefühlt kann hier jeder massieren, überall gibt es Salons der Fussmassage, in denen man auch Fische an den Zehen knabbern lassen kann. Die Leute freuen uns besonders, die auf den Rücken springen oder die Beine ausrenken. Wir lachen viel, weil alles so körperlich ist, so direkt.

Xi’an – Zwischen Müdigkeit und Missverständnis
Am Morgen suche ich etwas zum Frühstücken, finde aber nur Pinselläden und Steine. Ich stelle mir vor, wie ich in einen Pinsel beisse. Es ist schon um halb neun so heiss, dass der Gedanke absurd wirkt.
Xi’an ist laut, schnell, organisiert – und anstrengend. Wir spüren die Gleichgültigkeit an der Rezeption, drei Tage lang kein Blick, kein Wort.
Das macht etwas mit uns. Wir fühlen uns plötzlich fremd in einem System, das überall sonst getragen hat.
Später im Zug nach Chengdu, 303 km/h, dreht jemand die Sitze, und alles richtet sich in Fahrtrichtung. Ordnung in Bewegung.
Erziehung im Zug: Nicht angeln in der Nähe der Leitungen – Stromschlaggefahr.
Wir lachen und bewundern gleichzeitig, wie gründlich dieses Land funktioniert.
Chongqing – Tiefe und Dichte
Die Metro liegt sieben Stockwerke tief. 800 Stufen Fluchtweg – eine Vorstellung, die nachhallt.
Hier unten atmet man Beton. Die Luft riecht nach Metall, nach Anstrengung.
Trotz allem ist die Stadt lebendig, menschlich, voller Lichter und Geräusche.
Wir trinken Tee im Stelzenbau, kurz vor Sonnenuntergang. Danach kein Durchkommen mehr – die Lifte überfüllt, neun Stockwerke hoch, sechs Lifte, alles voll. Trotzdem versucht jeder, noch hineinzugelangen. Ohne Erfolg.
Menschenmengen, die sich bewegen wie Wasser. Wir sind antizyklisch unterwegs – früher als das Normalvolk – und geniessen den stillen Moment vor dem Ansturm.
Später beim Teehaus: Läden für Laser mit Ohrenschmalz, wir wenden uns zu schöneren Punkte: Gitarre im Hintergrund und grüner Tee zum Schweizer Preis. Wir lachen über den Widerspruch, während draussen Neonlichter über den Fluss flirren.
Hier versagt zweites Mal unsere Karte: der Taxifahrer bring uns Meilen weiter weg, als wir es geplant haben. Er behauptet, er ist richtig, während unser Magen knurrt, und die Gegend immer dunkler wird. Wir sind irgendwo in den Bergen, die Stadt ist nicht mehr sichtbar. Aussteigen ist nicht mehr möglich. Wir wissen nicht, wo wir sind und wie wir zurück kommen könnten. Am Ende hat er tatsächlich recht, wir kommen beim allergrössten Hotpot-Restaurant an, wo fest installierter Feuerwerk und über 500 Tische sind für 8800 Gäste. Eine wunderbare Lokation, leider sind wir sehr spät und müssen alle schnell machen.
Das erste Mal wünschen wir uns kein asiatisches Frühstück. Europäische Brote gibt es einzeln verpackt. Wir wählen frisches Obst.
Hier verstehen wir, dass Zeit in China eine andere Form hat: Sie dehnt sich, wenn man sie loslässt, und zieht sich zusammen, wenn man sie halten will.
Guilin – Atem holen
Ankunft im Dunst. Der Bahnhof wirkt chaotisch, die Luft nach Benzin und Hitze.
Der Taxifahrer schüchtern, aber aufmerksam, fährt durch kurvige Strassen. Wir lassen die Fenster offen – endlich frische Luft.
Die Feuchtigkeit liegt bei 90 Prozent, als würde die Landschaft selbst schwitzen.
Abends im Forrest Gump Restaurant: Pommes, Gin-Gurke-Lemon-Soda. Eine absurde, aber perfekte Mischung.
Guilin ist weich, grün, fast poetisch. Hier löst sich die Spannung der Städte. Wir lernen, langsamer zu schauen. Dazu helfen die Parks und die Landschaft, die in der Stadt integriert ist, mit einem Gartenbau auf chinesischer Art.
Auf dem Weg nach Hongkong
Genug von asiatischem Essen, aber China wollen wir noch nicht verlassen.
Dann die Überraschung am Bahnhof: echte Toiletten. Hell, sauber, mit Papier und Wasser. Unser westliches Hirn jubelt kurz – Komfortzone!
Plötzlich ist alles wieder verständlich, Schilder, Worte, Abläufe. Wir entspannen – und merken gleichzeitig, dass uns das Fremde fehlt.
Hongkong fühlt sich anders an, weniger chinesisch. Wir bedauern es.
Aber wir spüren auch: Multikulturalität ist eine Form von Ruhe.
Weniger Tumult, mehr Individualität, mehr Luft zwischen den Dingen. Niemand beobachtet uns mehr. Niemand fotografiert.
Hongkong – Die andere Luft
Schwarze Wetterwarnung, Gewitter, Regen die ganze Nacht.
Wir geben das Programm nicht auf. Regencape dünn, Schirm griffbereit, Schuhe schnell trocknend.
Die Strassen glänzen, Menschen in Bade-Schlappen, Gummistiefel und Shorts.
Abends koreanisch essen, obwohl kein Hunger. Es geht trotzdem gut hinunter.
Ein Taxifahrer mit einem alten Toyota – 120 km/h fühlen sich wie 160 an. Wir lachen, weil wir längst gelernt haben, die Kontrolle loszulassen.
Im Flughafen-Lounge dann der Höhepunkt: Nach drei Wochen wieder Mineralwasser mit Kohlensäure. Apfelschorle. Sprudel pur. Ein Genuss, fast feierlich.
Draussen zieht wieder Nebel auf, Regen, Blitze. Delay due weather condition.
Wir sitzen am Fensterplatz, sehen nichts, hören nur den Donner, und merken, wie still es in uns geworden ist.
Systeme spüren
Was bleibt, sind die Menschen. Trotz Sprachbarrieren, trotz Missverständnissen, haben wir immer jemanden gefunden, der spürte, was wir brauchten – noch bevor wir es sagen konnten.
Sie haben geholfen, übersetzt, gedrückt, gedeutet. Sie haben sich Gedanken gemacht, gekümmert und mitgefeiert wenn wir zum Beispiel unsere Bestellung geschafft haben..
China funktioniert auf vielen Ebenen gleichzeitig: alles ist streng organisiert, und doch getragen von Intuition. Die ströme der Besichtigen. Die Verkäuferin, die uns wieder erkennt. Der Taxifahrer, der weiss, dass unsere Zeit knapp ist, wir wollen den Zug noch erreichen. Der Mann, der uns am Bahnhof in Shanghai (später) helfen wird, weil er merkt, dass wir zu langsam zum richtigen Gate am Gleis gehen.
Alles geschieht im richtigen Moment – nicht nur durch Regel, sondern manchmal auch durch Schwingungen.
Antizyklisch leben
Am Ende verstehen wir, dass antizyklisch zu reisen nicht heisst, gegen etwas zu sein.
Es heisst, sich im eigenen Rhythmus zu bewegen, egal, was andere denken. Wir sind dadurch aufmerksam und frei.
So wie dieses Land in den extremen funktioniert: chaotisch und präzise, laut und leise zugleich, kontrolliert und improvisiert.
Wir reisen nicht durch Systeme, sondern lernen, die Systeme im Inneren zu spüren.

